Technologiestreit: Echte Glasfaser oder ertüchtigte Kupferkabel – wer hat nun recht?

Hintergrund. Der Kreis Höxter bleibt trotz erheblicher Kritik bei seiner Auffassung, dass die Ertüchtigung der alten Kupferkabel mittels Vectoring der richtige Weg für einen zukunftsfähigen Breitbandausbau ist, u.a. weil dies schneller gehen und weniger kosten würde.

Es erfordern zwar beide Ausbauarten FTTC und FTTH die Verlegung von Glasfaserleitungen bis in jeden Ort, es fehlt aber bei FTTC die gesamte Netzplanung im Ort bis in die Häuser.

Darüber hinaus macht es einen Unterschied, das Gesamtnetz für nur 100 Mbit/s mit Ertüchtigung der Kupferkabel zu planen oder für ein modernes, flächendeckendes FTTH-Netz in Gigabit. Auch geht es um Betriebs- und Wartungskosten. Diese sind bei einem FTTC-Netz deutlich höher. Allein das wenig nachhaltige Argument einer schnelleren Verfügbarkeit von 50 Mbit/s ist anzuerkennen. Dieser Ansatz verlagert aber die Probleme nur in die Zukunft. Hierzu sei an den gescheiterten Versuch mit der Behelfslösung Richtfunk verwiesen.
Die MICUS Strategieberatung hat den Kreis Höxter bei seiner FTTC-Planung begleitet. Allerdings bewertet Dr. Martin Fornefeld (u.) (MICUS) in einem Interview vom 18.10.2016 die Sache bereits anders:

Der Netzausbau wird technologieneutral gefördert, das heißt, neben dem Aufbau einer Glasfaserinfrastruktur wird auch die Aufrüstung von Kupferkabeln unterstützt. Ist das der richtige Weg?

Die große Frage ist, wann ist der richtige Zeitpunkt, um von der bisherigen kupferbasierten Infrastruktur auf die zukunftssichere Glasfaser zu wechseln? Unsere Antwort lautet: Jetzt. Gleichwohl werden noch viele Projekte durch den so genannten Kabelverzweiger-Überbau realisiert, bei dem die Kupfer-Teilnehmeranschlussleitung beibehalten wird. Hier liegt die Annahme zugrunde, dass dies kostengünstiger sei. Das ist aber ein klarer Trugschluss, denn letztlich werden Glasfaserkabel in weiteren Ausbauschritten doch noch vom Kabelverzweiger bis zum Gebäude verlegt werden müssen. ➡️ hier einsehbar

Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Studien, die die Nachteile eines gestuften Ausbaues FTTC -> FTTH belegen:
„Ein mehrstufiger geförderter Ausbau, bspw. über den Zwischenschritt FTTC, sollte, wenn möglich, vermieden werden, da dieser ökonomisch ineffizient ist.“ (WIK-Studie, 2017, ➡️ hier einsehbar)

„FTTC. Fehlende Zukunftssicherheit, da Technologiemix mit Kupfer die Leistungsfähigkeit limitiert. Spätere Aufrüstung auf FTTB/FTTH komplex; nur möglich, wenn schon bei der Planung der Netze vorgesehen.“ (Machbarkeitsstudie zum Breitbandausbau im Kreis Lippe, 2016, S.11, ➡️ hier einsehbar)

An anderer Stelle führt Dr. Fornefeld aus:
„FTTC bedeutet, dass die Glasfaser bis zum KVz verlegt ist. Dabei handelt es sich nicht um ein vollwertiges Glasfasernetz und die mit Glaserfaser in Verbindung stehende Bezeichnung FTT ist hier eigentlich irreführend. Der Kunde erhält nur ein DSL-Produkt auf Basis des Zweidraht-Anschlusses.“ (Nachhaltiger NGA-Netzausbau als Chance für Nordrhein-Westfalen, 2015, S.28 ➡️ hier einsehbar)

Aus diesen Gründen hat das BMVI-Förderverfahren bis Ende 2018 einen Technologie-Upgrade angeboten: „Kommunen, die bislang auf eine Kupfertechnologie gesetzt haben, bekommen die Möglichkeit eines Technik-Upgrades: Sie können ihr Projekt noch bis Jahresende auf Glasfaser umstellen. Der Bund stockt hierfür den Bundesanteil entsprechend auf. Den Ländern ist es dabei freigestellt, den höheren Eigenmittelbeitrag der Kommune zu übernehmen.“

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Zwei ernsthafte Probleme bei einem geförderten FTTC-Ausbaus sind die Höhe der generierten Fördermittel und die EU-Aufgreifschwelle von 30 Mbit/s.
Da ein FTTC-Ausbau deutlich günstiger ist als ein FTTH-Ausbau, werden Fördermittel nur in geringer Höhe generiert. Das FTTC-Netz übertrifft die Aufgreifschwelle von 30 Mbit/s und ist nicht weiter förderfähig. Es bleibt dann nur die Möglichkeit des eigenwirtschaftlichen Ausbaues.

Diese Möglichkeit darf gründlich bezweifelt werden, da ja bereits der FTTC-Ausbau nicht eigenwirtschaftlich möglich war und durch Glasfasertarife keine höheren Einnahmen erzielt werden können. Lediglich die 6,77€ Kupfermiete an die Telekom entfallen. Es bleibt dann nur die Möglichkeit der Nachfragebündelung zzgl. Kostenbeteiligung.

Diese Möglichkeit wird derzeit im Kreis Höxter in ausgewählten Bereichen umgesetzt. Hier kostet ein FTTH-Anschluss bis zu 1500€. Aber genau das wäre auch mittels Fördermittel umsetzbar gewesen, so wie es der Kreis Paderborn gerade umsetzt. Hier wurden 97 Mio. € BMVI-Fördergelder nur für die Außenbereiche generiert.

Inhouse-Verkabelung

Dieser ganz wesentliche Aspekt wird bei der FTTC-FTTH-Diskussion oft vernachlässigt. Die Planung eines FTTH-Netztes fördert die Beschäftigung mit der Inhouse-Verkabelung in besonderer Weise. Dies ist insbesondere bei Neubauten und umfangreichen Sanierungen wichtig. Aktuell entstehen im Kreis Höxter noch viele Neubauten (Bauboom) mit einer veralteten Kupferverkabelung. Bei einem späteren FTTH-Ausbau müssen diese Gebäude aufwändig nachgerüstet werden. Oft fehlt auch eine ausreichend dimensionierte Leerrohr-Infrastruktur auf dem Grundstück bis in den Keller. Bei Bestandsgebäuden ist die Erneuerung der Inhouse-Verkabelung oft ein schwieriges Thema. Hierbei gilt: Wer frühzeitig anfängt, darüber nachzudenken, der gewinnt.
In der aktuellen Glasfaserstrategie für den Freistaat Thüringen ist dazu ausgeführt:

„Hier wird gerade für Vermieter die im Grundgesetz verankerte Aussage ‚Eigentum verpflichtet‘ zu einer eigenen Aufgabe bei der Mitgestaltung der digitalen Gesellschaft.“ (2018, S18 ➡️ hier einsehbar)